Scheeßeler Bauernhochzeit vor 100 Jahren

“Goo`n Dag, Goo`n Dag, dat ganze Hus bring ick den Hochtiedsbittergruss”

Wenn in Scheeßel vor 100 Jahren geheiratet wurde, dann wurden die Bewohner des ganzen Dorfes mit einbezogen. Einige Wochen vor der Hochzeit ging der „Hochtiedsbitter“ von Haus zu Haus und lud alle Bewohner zur Hochzeit ein. Als Dank für die Einladung bekam er oftmals einen ordentlichen „Köhm“ eingeschenkt. Daher versteht es sich von selbst, dass die Einladungstour oft mehrere Tage dauerte.

Rückte das Fest näher, wurde auf den Feldern nur noch das Nötigste getan. Die Handwerker des Dorfes waren jetzt sehr gefragt. Jeder nutzte die Gelegenheit, seine Hofstelle und die Gebäude aufzuräumen und instand zu setzen. Auf den Höfen wurden Rinder, Schweine und Geflügel geschlachtet. Überall wurde gewaschen, geputzt und gebacken. Die Bäuerinnen kneteten Unmengen von Teig für Weißbrot und Butterkuchen. Die Bauern hatten die Aufsicht über den Backofen. Er musste die richtige Backtemperatur haben, denn niemand wollte für die Hochzeitsfeier verbranntes Brot oder Kuchen liefern. Jeder im Dorf half, so gut er konnte, mit und leistete seinen Beitrag, dass es eine rundum gelungene Hochzeitsfeier wurde.

Auf dem Hof, wo die Hochzeit stattfand, waren die Mägde mit Putzen, Schrubben und Fegen beschäftigt. Die Knechte machten Hof und Stallungen sauber und holten frischen Streusand für das „Flett“. Maler, Tischler und Maurer gaben sich die Klinke in die Hand. Das Haus bekam von innen und aussen einen neuen Anstrich. Besondere Sorgfalt erfuhr dabei der große Querbalken vorne am Haus. Der Spruch, sowie die Namen und die Jahreszahlen wurden neu hervorgehoben. Hier und da wurde an den Gebäuden etwas instand gesetzt, die Stallungen bekamen neue Verschläge, mancherorts wurde noch ein neuer Kachelofen gesetzt. Die Gelegenheit, mal wieder so richtig „groß reine zu machen“. Der Volksmund sagte, „Ging das Brautpaar zur Vordertür herein, verließ der Maler mit noch feuchtem Pinsel hinten das Haus“.

Wer auf einen Hof einheiratete, brachte die Aussteuer mit. Dieses konnte das ganze Dorf am Donnerstagabend vor der Hochzeit miterleben. An diesem „Kistenabend“ wurde die Aussteuer auf Ackerwagen geladen und zum Hochzeitshof gefahren. Je mehr Ackerwagen fuhren, umso größer und bedeutender war die Aussteuer. Entsprechend „voll“ wurden daher die Wagen beladen, denn die Zahl der Zweispänner zählte. „Kistenabend“ leitet sich ab von Lade oder Truhe, in denen zu früheren Zeiten die Habseligkeiten lagerten. Schon an diesem Abend wurde gefeiert. Da das Auf- und Abladen der Gespanne oft sehr anstrengend war, gab es zur Stärkung für die „Mannslüt“ einen kräftigen Schluck. War die Arbeit getan, saßen die Angehörigen und Nachbarn oft noch bis tief in die Nacht bei Grog, Bier und Zigarren zusammen und klönten ausgiebig miteinander. Dieses war oft der gemütlichste Teil der ganzen Feier.

Der eigentliche Hochzeitstag war der Sonntag. Die Hochzeitsfeierlichkeiten gingen jedoch bis tief in die Woche. Um die oft ausschweifenden Feste etwas zu begrenzen und die Menschen wieder an die Arbeit und in die Kirche zu bekommen, erließ die ehemalige bischöfliche Regierung eine Beschränkung der Feierlichkeiten von Sonntag bis Dienstag. Um 1700 setzte die weltliche Regierung noch einen drauf und erließ eine Polizeiverordnung, um dem „Fressen und Saufen ein Ende zu machen“. Es wurde genau festgelegt, wer wie viele Gäste mit welchen Speisen und Getränken beköstigen durfte. Überliefert wurde z.B. „Ein Baumann oder Hausmann auf dem Lande oder in einem Flecken darf zur Hochzeit seine Gäste nur an zwei Tischen, zu je 12 Personen, der Kötner nur an einem Tische beköstigen. An Getränken darf höchstens verabfolgt werden: vier Tonnen Bier (1 Tonne = 114,5 l) und zwei Stübgen (1 Stübgen ~ 3,8 l) Branntwein bei einem Baumann oder Hausmann und zwei Tonnen Bier und ein Stübgen Branntwein bei einem Kötner.“ In späteren Jahren bestimmte die Kirche, dass die Hochzeitsfeier nur noch in der Woche stattfinden durfte.

Am Hochzeitsmorgen trafen sich auf dem Hof Schlachter, Köchin und etwa ein Dutzend hilfsbereite Nachbarinnen, um das Essen vorzubereiten. Die jungen Mädchen des Dorfes schälten Unmengen von Kartoffeln. Neben der „Blangendör“ (Seiteneingang) standen viele rauchende „Grapen“. Besonders der mit dem dicken Reis wurde bewacht, um ein Anbrennen der Köstlichkeit zu vermeiden. Im Backofen brutzelten dutzende von Braten.

Um 14.00 Uhr kamen die Gäste. Sie wurden mit Kaffee und Butterkuchen, gebratener Fleischwurst und Sauerfleisch bewirtet. Anschließend fand die Haus- und Hofbesichtigung statt. Die Frauen interessierten sich in erster Linie für die Möbel, Geschirr, Stoffe und Teppiche. Selbstverständlich wurde auch der Inhalt der Schränke, die an diesem Tag unverschlossen blieben, begutachtet. Die feine Wäsche und die Leinwandrollen wurden gezählt und begutachtet. Währenddessen prüften die Männer in den Ställen den Viehbestand, die Gerätschaften, die Futterküche und den Obstgarten.

Inzwischen fuhr der mit Blumen und Tannengrün bekränzte Brautwagen mit der jungen Braut nach Scheeßel zum Ankleiden. Die Frau des Pastors setzte der Braut die Perlenkrone, die von ihr für einen ½ Taler ausgeliehen werden konnte, auf den Haarkranz.

Verließ die Braut das Elternhaus, so wurde sie mit Musik aus dem Haus geblasen: „Brut kumm rut“ nach einer alten überlieferten Melodie. Auf dem Brautwagen befand sich eine gut gefüllte Flasche Schnaps, die jedem, den man auf dem Weg zur Kirche traf, für einen Schluck angeboten wurde. Die Musiker begleiteten die Braut auf dem Wagen bis zur Kirche.

Nach der Trauung fuhr der Brautwagen mit den Eheleuten, den Brautjungfern und Eltern, sowie einigen Musikern bis zum Hof, wo die Feier stattfinden sollte. Durch das Spalier der Gäste zog das Brautpaar auf dem Hof ein. Vor der großen Tür warteten die Brauteltern zur Begrüßung mit Wein auf das frisch vermählte Paar. Währenddessen wurde der Kranz, der bis jetzt den Brautwagen schmückte, um die große Tür gehängt.

Nach der Begrüßung durch die Elternpaare spielte die Musik den Choral „Jesu geh voran“ und das Brautpaar schritt durch die große Dielentür. Die junge Frau hatte als erstes nach der Trauung das Feuer anzuzünden. Dieses gilt als deutlicher Hinweis auf die Wichtigkeit der Herdstelle im alten Niedersachsenhaus und auf die zentrale Stellung der Bäuerin in diesem Haus.

Gegessen wurde oft im Freien unter den Schatten spendenden Eichen, da man die vielen Gäste oft nicht im Haus unterbringen konnte. Auf dem großen Brauttisch lag feines Damasttuch. Eingedeckt wurde hier mit dem feinsten Porzellan und Kristall. Silberne Kerzenleuchter und die traditionelle Butterhenne (ein großer Klumpen frische Butter, wie eine Henne geformt), als Zeichen der Fruchtbarkeit, durften auf dem Brauttisch nicht fehlen. Das Brautpaar nahm in Lehnsesseln platz. Rechts und Links von ihnen saßen die nächsten Verwandten. Auch der Schulmeister hatte seinen Platz am Brauttisch. Er sprach das Tischgebet, hielt am Ende der Mahlzeit eine Rede und sprach abschließend das Dankgebet.

Das Decken des Brauttisches und die Bewirtung des Brautpaares war ein Ehrenamt und kam der nächsten weiblichen Verwandten zu. Die übrigen Gäste saßen an langen Tischreihen, mit weißem Leinen- oder Papiertuch bedeckt, auf Holzbänken. Das Geschirr wurde vom Kaufmann ausgeliehen, Besteck brachte sich jeder selber mit. Die jungen Mädchen des Dorfes trugen die Speisen auf. Während am Brauttisch Wein getrunken wurde, schenkte man an den Tischen Bier und „Hanschen Harm“ aus. Vier bis sechs Musikanten unterhielten die Gäste mit Tischmusik und wurden entlohnt mit einem Obolus per Tellersammlung.

Nach dem Essen nahm das Brautpaar die Glück- und Segenswünsche der Gäste entgegen. Alle verheirateten Leute gingen anschließend ins Dorf zum Kaffeetrinken. Die jungen unverheirateten Leute warteten, bis die Musiker gegessen hatten und zogen dann mit Musik in den Tanzsaal des Dorfes ein. Getanzt wurden Schotts, Walzer, Rheinländer und Scheeßeler Bunte. Gegen Abend gesellten sich dann Braut und Bräutigam dazu. Sie setzten sich an einen Tisch nahe der Musik, zusammen mit den Brautjungfern, den Eltern und nahen Verwandten. Nach einem besonderen Ritual und in vorbestimmter Reihenfolge folgten nun die Braut- und Ehrentänze. Dieser sehr feierliche und besinnliche Teil der Hochzeitsfeier dauerte oft bis in die frühen Morgenstunden.

Nach der Hochzeit fand das „Laberbeer“ statt. Ein junger Bauer, der zuletzt in Scheeßel geheiratet hatte, musste hierbei den nächsten „insetten“. Auf einem Tisch stehend lobte er den Hof und den jungen Bauern über Gebühr, indem er das „blaue vom Himmel log“. Wieder wurde getanzt, gesungen und natürlich viel gegessen. Neben Bier, Schluck und Grog gab es Köstlichkeiten wie „Wittsuur“ und „Swattsuur“.

Stand: Juni 2016

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